Narrenhände beschmieren Tisch und Wände

von Emilia Ruiz und Felix Morè

 

"Picasso machte Brassai auf das Gefängnis von Giors aufmerksam: 'Ich habe stundenlang die Bilder angesehen. Eine Zelle ist ganz außergewöhnlich und einzig auf Erden. Sie war 'bewohnt' von einem Sträfling, der zu zwanzig Jahren Strafarbeit verurteilt worden war. Er verbrachte seine Freizeit damit, zwanzig Jahre; seine Wände mit Graffiti zu bepflastern."[1]

 

Was verbindet heutige Kritzeleien in der Schule und Kritzeleien in Karzern und Gefängnissen?

Im Buch "Graffiti-Tätowierte Wände" beschreibt der Autor Siegfried Müller die Malereien als Flucht vor der Langeweile, die immer näher rückt, je länger man alleine an einem Ort ist, an dem sich nichts anderes zur Beschäftigung findet, was man als Schüler schnell selbst merkt, vor allen Dingen im Unterricht.

Es fällt zunächst auf, dass besonders an Orten, an denen man länger unfreiwillig verweilen muss, Bilder aller Art zu finden sind. Was also die Graffiti und Kritzeleien in den Karzern und Gefängnissen verbinden könnte, ist, dass man auf Zeit ausgeschlossen von der Gesellschaft und dem 'wirklichen' Leben ist und diese Situation zu bewältigen versucht.

Auch der Bildungsforscher Manfred Prenzel sieht die Langeweile als einen der ausschlaggebenden Faktoren für die Kritzeleien:

"Langeweile ist ein unangenehmer Zustand, den Menschen mit irgendwelchen Aktivitäten beseitigen möchten."[2]

Dieses Phänomen kann man auch heute noch sehr gut im Unterricht beobachten, auch in Schulräumen sind häufig kleine Bildchen auf Tischen und Wänden zu sehen, aber sie sind auch auf allen möglichen Zetteln und in Heften zu finden. Wenn man als Schüler den Unterricht als langweilig empfindet, fängt man schnell an sich abzulenken. Prenzel meint dazu:

 

"Im Unterricht sind die Möglichkeiten für viele Aktivitäten stark eingeschränkt, die nicht gleich als Störung empfunden und von den Lehrkräften entsprechend beantwortet werden. Dann bleiben eben ‚kleine‘ Aktivitäten, die nicht sehr auffallen. Kritzeln und Bildchen malen könnte ja von der Ferne als Mitschreiben wahrgenommen werden."[3]

 

Dies fällt mir selbst im Unterricht auch sehr stark auf. Wenn mich das aktuelle Unterrichtsthema nicht interessiert oder der Lehrer vollkommen reizlosen Unterricht hält, fange ich oft an zu malen, sei es in meinem Heft oder auf beliebigen anderen Zetteln.

 

Was waren andere Gründe für die Kritzeleien?

Bilder und Gedichte zum Thema Freiheit sind in Karzern am häufigsten zu finden, da sich ein Gefangener nichts mehr wünscht als die Freiheit. In den Inschriften wird die wunderschöne Welt außerhalb des Karzers beschrieben. Es gibt auch Strichlisten, um die bereits abgesessenen Tage zu zählen.

 

"Freiheit, schönste Göttergabe

wie ich dich begehret habe

kann kein Sterblicher nur ahnen

Drum, o Carcer sollst mich mahnen,

Wenn sie mir geschenkt von neuem

Ganzen Herzens mich erfreuen"[4]

 

Aus dem Gespräch mit dem Bildungsforscher Manfred Prenzel konnte ich schließen, dass Schüler sehr unterschiedlich mit dem Ausschluss durch beispielsweise die Karzerstrafe umgehen. Schüler die bestraft werden, werden unterschiedlich von der Gesellschaft aufgenommen.

Man wird anscheinend entweder als "Held" oder als "Opfer" gesehen.

Die einen sahen es zum Beispiel als Ehrensache, mindestens einmal im Karzer gewesen zu sein und wollten sich als Zeichen ihrer "Tapferkeit" und ihres "Mutes" verewigen, damit alle sehen konnten, wer ein wahrer Mann war und waren sehr stolz auf ihren Besuch. Vielleicht auch um sich danach mehr in die Schulgemeinschaft eingebunden zu fühlen und zu beweisen, dass man dazugehört.

Bei anderen kann man auch den Frust und die Wut über die Karzerstrafe und jene, die sie verhängt haben, aus den Bildern herauslesen. Ein Beispiel hierfür ist ein Gemälde im Freisinger Karzer, das einen Mönch zeigt. Ihm wurde das Gesicht mit einem Stein herausgeschlagen (siehe Abb. unten). Durch Bilder wie diese wird die Ventilfunktion des Malens klar, denn man kann sich durch die Kunst ausdrücken und seine Gefühle mit all denen teilen, die den Karzer nach einem besuchen müssen und wahrscheinlich ähnlich fühlen.

 

 

Aber auch vulgäre oder boshafte Texte und Bilder sind zu finden, wahrscheinlich aufgrund der Anonymität, die man als Einzelhäftling „genießt“. Somit konnte man sich damals wie heute ungezwungen zu allem äußern, ohne dafür verurteilt zu werden und sich damit vielleicht zum Außenseiter zu machen. Schüler, die Schwierigkeiten in der  Gemeinschaft haben, konnten im Karzer sein, wer sie sein wollten und ihre Gefühle darstellen, da keiner wusste, wer sie waren.

Allerdings kann die längere Zeit alleine einen auch zum Nachdenken bringen. Dadurch wird die Kreativität ebenfalls herbeigeführt, da man Zeit, hat sich Ideen durch den Kopf gehen zu lassen. Mit den Bildern kämpft man gegen die Langeweile und auch gegen das Außenseiterdasein an, da man sich traut sich zu öffnen und zu zeigen, was man fühlt, egal ob es Wut oder Stolz oder etwas ganz anderes ist. Man stellt sich somit gegen die Masse und zeigt sich selbst als Individuum.

 

In diese Richtung deutet ein Spruch, der lange Jahre an einer Mauer unserer Schule stand:

 

"Wie kann ich wissen was ich denke bevor ich höre was ich sage?"

 

 

[1] Müller, Siegfried (Hrsg.): Graffiti; Tätowierte Wände; Bielefeld 1985, S. 169

 

[2] Schriftliches Interview von Emilia Ruiz mit Prof. Dr. Manfred Prenzel am 20.1.2015

 

[3] Schriftliches Interview von Emilia Ruiz mit Prof. Dr. Manfred Prenzel am 20.1.2015

 

[4] Müller, Siegfried (Hrsg.): Graffiti; Tätowierte Wände; Bielefeld 1985, S. 171