Um noch klarer hervorzuheben, dass die Erfahrungen Goldschmidts nicht nur die Folge eines bedauerlichen, aber zufälligen Falls von Mobbing unter Schülern sind, sondern das Resultat eines auf Erniedrigung und Ausgrenzung ausgerichteten Schul- und Gesellschaftssystems, stellen wir anhand des Buches 'Unterm Rad' von Hermann Hesse noch einen weiteren Schüler vor, der explizit durch die Karzerstrafe Ausgrenzung erfahren hat. Hesse schildert in seiner Erzählung, die auch auf einem autobiographischen Hintergrund beruht, das Leben und Lernen auf einer Klosterschule, die der Protagonist Hans Giebenrath besucht, nachdem er das Landexamen bestanden hat. Die ersten Worte, mit denen er beschrieben wird, sind folgende: "Hans Giebenrath war ohne Zweifel ein begabtes Kind; es genügte, ihn anzusehen, wie fein und abgesondert [Hervorhebung durch die Autorinnen] er zwischen den Anderen herumlief." (Unterm Rad, S. 8, Z. 7 ff.) Sein Freund Hermann Heilner stößt einmal einem Klassenkameraden das Notenpult um, woraufhin er mit schwerem Karzer bestraft wird. Giebenrath will den Freund besuchen, ist aber hin- und hergerissen zwischen seiner Freundschaft zu dem Bestraften und dem, was die anderen ‑ und insbesondere die Lehrer ‑ von ihm denken könnten. "Es trieb ihn, den Freund aufzusuchen, und er hätte viel darum gegeben, es unbemerkt tun zu können. Aber ein mit schwerem Karzer Bestrafter ist im Kloster für längere Zeit so gut wie gebrandmarkt." (Unterm Rad, S. 78, Z. 36 ff.) Einige Monate später läuft Heilner, der wie Goldschmidt beginnt, sich als Märtyrer zu fühlen, nach einer weiteren Karzerstrafe davon, wird aber von einem Landjäger aufgegriffen und wegen eines Schulverweises am nächsten Tag vom Vater nach Hause geholt. Giebenrath wird verdächtigt, in Heilners Flucht eingeweiht gewesen zu sein und wird fortan von Mitschülern sowie Lehrern geächtet. "Auf dem zurückgebliebenen Hans ruhte der Verdacht, von Heilners Flucht gewusst zu haben, […] Der Ephorus ließ ihn sitzen und sah ihn von der Seite her an. Dieser Giebenrath zählte nicht mehr, er gehörte zu den Aussätzigen." (Unterm Rad, S. 107, Z. 12 ff.) Giebenrath bricht kurz nach Heilners Flucht die Schule ab, weil er als Geächteter und ohne Freund immer weiter absackt. Am Ende des Buches ertrinkt er in einem Fluss, in dem er in der Kindheit viele glückliche Stunden zugebracht hat. Er hatte sich mit einigen Gesellen, die er von einer nach seinem Schulversagen begonnen Mechanikerausbildung her kannte, betrunken. Dabei bleibt ungeklärt, ob es sich um einen Suizid (auch wenn viele Textstellen darauf hindeuten) oder um einen Unfall handelt: "Niemand wusste auch, wie er ins Wasser geraten sei." (Unterm Rad, S. 164, Z. 29)

 

Hesse besuchte selbst nach dem Bestehen des Landexamens die Klosterschule. Er lief auch einmal davon und wurde ebenso wie Heilner von einem Landjäger gefunden. Er wurde mit acht Stunden Arrest im Karzer abgestraft, so wie es die Schulordnung vorschrieb. Auf der Schule vereinsamte er. Ein Brief an die Eltern (nach der Karzerstrafe) zeigt seine damalige Verfassung: "Ich bin so müde, so kraft- und willenlos ... ich bin nicht krank, nur eine neue, ganz ungewohnte Schwäche, fesselt mich ... meine Füße sind immer kalt, während es im Kopf ganz innen brennt ..." (Gerhard Prause, Genies in der Schule – Legende und Wahrheit über den Erfolg im Leben, S. 76, Z. 18 ff.) Weil es ihm immer schlechter ging, wurde er als fast Fünfzehnjähriger von den Eltern nach Hause geholt. Er hatte sogar Selbstmordgedanken.

 

Quälende Erinnerungen an die Schule müssen nicht zwingend dazu führen, dass das Leben eines Menschen negativ davon beeinflusst wird. Hesse, der es ja selbst erlebt hat, schreibt in seinem Buch dazu: "[…] wir haben den Trost, dass bei den wirklich Genialen die Wunden fast immer vernarben und dass aus ihnen Leute werden, die der Schule zu Trotz ihre guten Werke schaffen und welche später, wenn sie tot […] sind, anderen Generationen von ihren Schulmeistern als Prachtstücke und edle Beispiele vorgeführt werden. Und so wiederholt sich von Schule zu Schule das Schauspiel […]. Und immer wieder sind es vor allem die von den Schulmeistern Gehassten die Oftbestraften, Entlaufenen, Davongejagten, die nachher den Schatz unseres Volkes bereichern. Manche aber – und wer weiß wie viele – verzehren sich in stillem Trotz und gehen unter." (Unterm Rad, S. 90, Z. 33 ff.)

 

Goldschmidt und Hesse sind natürlich nicht die einzigen, die Körperstrafe und Mobbing durchleiden mussten. Zwar dürfen Schüler in Deutschland seit längstens 1978 (je nach Bundesland) von Lehrkräften nicht mehr gezüchtigt werden, doch es gibt immer noch genügend Rituale der Aussonderung, Bloßstellung und Erniedrigung in der Schule. Auch heute noch werden Kinder und Jugendliche von Mitschülern geärgert, gehänselt und ausgeschlossen, weil sie nicht die entsprechenden Statussymbole besitzen, nicht das Aussehen und die Figur eines Models haben, lesbisch, schwul, unsportlich oder behindert sind etc. Die weltweite Vernetzung hat zu vielen neuen Methoden wie z.B. dem Cyber-Mobbing über Facebook geführt, die Teenagern genauso zusetzen können wie das "althergebrachte" Mobbing oder die Erfahrung, vor (oder sogar wegen) Klassenkameraden gestraft zu werden. Laut einer Studie der Universitäten Münster und Hohenheim sei jeder dritte Jugendliche von Cyber-Mobbing betroffen. Einige sehen Selbstmord als einzigen Ausweg, weil sie dem Druck durch ständige Kommentare auf Social Networks nicht mehr standhalten; so z.B. die 14-jährige Hannah Smith, der anonyme Nutzer aufgrund eines Ekzems rieten, sie solle der Welt einen Gefallen tun und sich umbringen. (N24, taz, RTL)

Es gäbe unzählige Beispiele von ausgeschlossenen und gemobbten Jugendlichen anzuführen und jeder von ihnen hat seine eigene, tragische Leidensgeschichte. Es scheint in der menschlichen Natur ein Bedürfnis zu geben, über Schwächere, Benachteiligte oder die Minderheiten Macht auszuüben. Nicht nur in Deutschland und Europa, nicht nur zu unserer und Goldschmidts Zeit, nicht nur unter Kindern und Jugendlichen. Wir alle sollten uns darum bemühen, unseren Mitmenschen den gebührenden Respekt zu erweisen, um auch selbst respektiert und akzeptiert zu werden. Wir sollten denjenigen helfen, denen wir helfen können und nicht tatenlos herumstehen und zusehen, nur weil es uns selbst gerade nicht betrifft. Man sollte immer bedenken, dass man auch selbst dort stehen und verspottet, verprügelt oder beschuldigt werden könnte. "Warum war er bloß er und nicht ein anderer? [...] einer von denen, die man nie anklagte und in Ruhe ließ [...] es wäre doch so leicht gewesen, ein anderer zu sein." (Die Absonderung, S. 144, S. 20 ff.) Wir alle sollten wissen: Mobbing und Ausschluss hören nie von alleine auf!

 

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