Ausgrenzung von Schülern in der Literatur

von Emily Hornburg und Carla Fuchs

 

Im Zuge unseres Projektes 'Außenseiter in der Geschichte' und unseres Themas 'Karzer' beschäftigen wir uns mit Ausgrenzungserfahrungen von Kindern. Zunächst werfen wir einen Blick auf  die Ausgrenzung durch Gleichaltrige anhand des Buches 'Die Absonderung' von Georges-Arthur Goldschmidt (* 2. Mai 1928 in Reinbek bei Hamburg). Dieser befand sich in einem Schulsystem, in dem Ausgrenzung, Erniedrigung und Züchtigung noch auf der Tagesordnung standen. Er erzählt in seinem autobiographischen Roman von den langzeitigen Gewalterfahrungen, dem Ausschluss und der Erniedrigung durch Mitbewohner eines französischen Kinderheims, in das er während des Nationalsozialismus' wegen seines jüdischen Glaubens auf Veranlassung der Eltern geflohen war. Wir stellen uns anhand dieses Buches die Fragen was Mitschüler dazu antreibt, auszugrenzen (Aktio) und wie Kinder auf Ausgrenzung reagieren (Reaktio).

Ob diese Erfahrungen einer Ausgrenzung durch Gleichaltrige mit denen einer Exklusion durch Lehrer oder das Schulsystem, wie sie etwa im Umfeld einer Karzerhaft stattfinden, vergleichbar sind, untersuchen wir anhand des Buches 'Unterm Rad' von Hermann Hesse.

 

Aktio:

Der grundsätzliche Antrieb für Mobbing o. Ä. ist das Bedürfnis nach dem Gefühl von Macht. Es vermittelt den Eindruck, Kontrolle zu besitzen. Manche brauchen das ohne konkreteren Grund, nur aus Sadismus, Vergnügen an der Erniedrigung des Anderen und dessen Reaktionen. "Sie brauchten seine Wutanfälle, sein Steinewerfen nach ihnen, wie er versuchte die greifbaren Gegenstände gegen sie zu werfen." (Die Absonderung, S. 45, Z. 8 ff.) Dieses Phänomen kann auch der Verhaltens- und Psychotherapeut Hans Kellinghusen bestätigen. "Es gibt auch diesen interessanten Ausdruck eines Ärgeropfers. Die Anderen merken, der ärgert sich, der geht hoch – und dieses Ärgeropfer hat keine besonders starke Stellung in der Gruppe. Und dann wird der wütend, er ist ein bisschen außerhalb der Gruppe, und die Anderen freut das, wenn der wütend wird und hochgeht. Das ist ein häufiger Grund für aggressives Verhalten." [Mitschrift aus einem persönlichen Interview mit Hans Kellinghusen] In Goldschmidts Fall geht es allerdings nicht mehr nur noch um 'dumme-Jungen-Streiche', sondern um sexuelle Nötigungen und langzeitig traumatisierende, konditionierende Gewalterfahrungen; einerseits durch die Mitschüler, andererseits durch die Erzieher. Diese hatten eigentlich nichts gegen Goldschmidt, doch die Gruppe verstrickt den Einzelnen in kritische Situationen oder macht den Erziehungspersonen gegenüber Falschaussagen, die in den meisten Fällen zu schweren körperlichen Züchtigungen führen, wie z.B. dem Schlagen mit einer Haselnussrute, dem Knien auf einem spitzen Holzscheit, tagelangem Essensentzug etc. Die von den Lehren angewandten Strafen steigern sich mit der Zeit in ihrer Härte und erfolgen zudem in immer kürzeren Abständen. Es bereitet den Anderen Genugtuung, zu sehen, wie Goldschmidt jegliche Strafen willenlos über sich ergehen lassen muss. "Sie ahmten ihn nach, wie er die Schläge mitzählen musste, die Zahlen nacheinander ausgeflennt oder ausgefleht hatte, [...]. Sie kannten ihn auswendig und sangen ihm seinen Tonfall nach. Wie er sich ausnahm, [...], sich bäumte oder wimmerte, sie wussten alles, und ihm blieb nur stummer Hass, Mordlust." (Die Absonderung, S. 134, Z. 4 ff.)

Oft geht es aber auch darum, den Frust über eigene Probleme an anderen auszulassen oder um den Maßstäben einer bestimmten Gruppe zu entsprechen und sich zugehörig zu machen.

Es ist selten, dass eine einzelne Person unabhängig von Anderen Mobbing betreibt, da man sich in der Gruppe stärker fühlt.

 

Reaktio:

Kinder reagieren individuell auf Ausgrenzung und Spott. Einige suchen sich jemanden, der in der Rangordnung der Gruppe noch tiefer steht, um sich selbst das Gefühl zu vermitteln, mehr Macht zu haben als der Andere und nicht immer nur der Versager zu sein, so auch Goldschmidt. Aus lauter Verzweiflung zerreißt er einem Jungen, fast dem Einzigen, von dem er nicht gequält wird, ein hübsches, schwarzes Moleskinheft, an dem dieser sehr hängt. "Weinend ging der Junge auf ihn zu: 'Wie böse du doch bist, das hätte ich von dir nie gedacht, und ich habe dich doch nie geärgert.' Und von ihm hatte der Junge ausgerechnet das Böse erfahren müssen. Er war ein Böser." (Die Absonderung, S. 87, Z. 1 ff.)

Andere versuchen sich durch vorgetäuschte Härte und Introversion vor erniedrigenden, verletzenden Gefühlen zu schützen.

Goldschmidt beginnt sich als Märtyrer zu fühlen und sich vor seinem inneren Auge eine Zukunft als ruhmreicher, gefeierter Held auszumalen. Durch die häufig erlittenen, körperlichen Züchtigungen entwickelt sich bei ihm ein Masochismus, der ihn an dem Ertragen von Schmerzen Gefallen finden lässt. "Es erregte ihn geleitet, gedreht, umgewendet, weitergeführt zu werden. Geschleudert, geschleift wünschte er sich, mit gefesselten Händen und Knöcheln, ganz den Entscheidungen der Anderen ausgeliefert." (Die Absonderung, S. 45, Z. 19 ff.) Er soll sich für sich selbst eine Rute abbrechen, wobei er – ohne dass jemand es ihm aufgetragen hätte – oben an der Spitze drei sich gabelnde, harte Zweige stehen lässt, die besonders schmerzen würden und sich zusätzlich zu der ersten noch eine zweite Rute anfertigt, für den Fall, dass die erste an ihm zerbrechen würde. ,"So wurde die Strafe zu seiner Welt, in der er sich endlich auskannte und zurechtfinden konnte." (Die Absonderung, S. 114, Z. 10 ff.) Er fängt an, sich aktiv selbst zu quälen, z.B. indem er sich den Höhepunkt bei der Selbstbefriedigung vorenthält. ,"Ganz langsam ließ er die Finger die Vorhaut hinauf- und hinuntergleiten, bis er sich vor Wollust aufbäumte. Aber genau wie unter der Rute hatte er sich zu beherrschen gelernt. Zehnmal ließ er sich bis zum äußersten Punkt kommen, ließ aber doch jedes Mal von sich ab, ließ sich mit ausgestreckten Armen minutenlang liegen." (Die Absonderung, S. 139, Z. 5 ff.)

 

Die angeführten Beispiele beziehen sich auf die Reaktionen eines Opfers unmittelbar in der Zeit des Leidens. Aber körperliche und seelische Leidenserfahrungen können bei Menschen nicht nur während dieses Zeitraumes Reaktionen hervorrufen, sondern auch dauerhafte Auswirkungen auf das Leben einer gequälten Person haben. Goldschmidt beschreibt die Freundschaft zu Jean-Baptisten, der wie er selbst ein Außenseiter und Bettnässer war, wofür sie auch beide gezüchtigt wurden. Sie teilen durch ihre gemeinsame, missliche Lage ein sehr enges Band der Freundschaft. Vier Jahre, nachdem Jean-Baptisten das Kinderheim verlassen hat, verbrennt er bei lebendigem Leibe bei einem Autounfalls, es hieß, er habe Selbstmord begangen. Goldschmidt führt den Suizid auf die drückende Last, die die quälenden Erinnerungen an die Zeit im Heim bei seinem Freund hinterlassen haben, und die Tatsache, dass er ihm nie auf einen seiner Briefe geantwortet hat, und ihm somit nicht durch die mentale Unterstützung eines Seelenverwandten beigestanden hat, zurück. "Vier Jahre später, ein Jüngling schon, verbrannte er bei lebendigem Leibe bei einem Autounfall, es hieß, er habe Selbstmord begangen. Hätte er der Einladung des Freundes folgen können, wäre dieser vielleicht noch am Leben. Beim Gedanken daran steigt ihm immer noch ein Aufschrei aus der Kindheit auf, als könnte es mit dem Damals wieder anfangen." (Die Absonderung, S. 123, Z. 9 ff.)

 

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