Der Freisinger Karzer

von Julia Betz und Julia Stockwald [1]

 

Im Freisinger Lyceum, welches 1697 von Fürstbischof Johann Franz Eckher gegründet wurde [2] und unter der Führung der Benediktiner stand, wurden Kinder und Jugendliche, die den Beruf des Priesters erlernen wollten, aber auch weltliche Schüler und Studenten [3], ausgebildet. Diese befanden sich ungefähr im Alter heutiger Gymnasiasten und Studienanfänger. Zuerst mussten alle sechs Klassen des Gymnasiums durchlaufen werden, woraufhin das etwa vierjährige Philosophie- und Theologiestudium begann. 1803 wurde das am Fuß des Dombergs, am heutigen Marienplatz gelegene Lyceum aufgelöst; heute wird das Haus 'Asamgebäude' genannt.

"Im 3. Stock des Osttraktes, im Geschoss unter dem Dachstuhl, befindet sich ein großer Raumbereich von circa 240 Quadratmeter Fläche, der bis in jüngste Zeit hinein nicht völlig ausgebaut war."[4] Dieser Raum oder ein kleinerer Teil des Raumes wurde im 18. Jahrhundert als Schulkarzer verwendet. Wegen der Distanz zur übrigen Schule und der dort herrschenden, drückenden Hitze im Sommer, durch welche die Strafe zusätzlich verstärkt wurde, ist der 3. Stock im Dachgeschoss mit dem Ausblick auf den ruhigen Innenhof ideal.

Der Karzer wurde auch in Freising in das Schulwesen integriert und die poena carceris, die Karzerstrafe, in der Schulordnung festgesetzt. Gründe für eine derartige Bestrafung waren unter anderem "Raufereien in Wirtshäusern, Teilnahme an öffentlichem Tanz, der freundschaftliche Umgang mit dem anderen Geschlecht oder das Baden in öffentlichen Gewässern"[5]. Die Schulordnung schrieb meist eine Aufenthaltsdauer 'von einigen Stunden' vor, in anderen Regionen wurde man bis zu mehreren Tagen in den Karzer verwiesen.

Die meisten Graffiti, die im Freisinger Karzer erhalten sind, stammen relativ sicher aus der Zeit zwischen 1740 und 1770. Es ist allerdings nicht klar, warum die Malereien nach 1770 abrupt abbrechen. Dies ist eventuell auf eine Verlegung des Karzers in einen anderen Raum zurückzuführen. Fest steht aber, dass bis in die letzten Jahre der Existenz der bischöflichen Hochschule der Karzer und die Karzerstrafe existierten.

Die Graffiti im ehemaligen Karzer des Freisinger Lyceums wurden Ende der 90er Jahre bei Renovierungsarbeiten des Depots des Stadtmuseums, in dem heute Teile der Sammlung des Historischen Vereins Freising untergebracht sind, entdeckt. Neben der einstigen Aula der Schule, dem heutigen Asamsaal, zeigen nun auch die Graffiti die Schulgeschichte des Lyceums auf beeindruckende Weise. Frau Ulrike Götz berichtete in ihrem Text 'Der Klassenprimus am Galgen', auf den sich dieser Aufsatz stützt, erstmals über die Entdeckung und Bedeutung der Graffiti.

 

 

[1] Der Text basiert auf: Ulrike Götz; Der Klassenprimus Am Galgen, Graffiti der alten Freisinger Hochschule; in: Schönere Heimat, Erbe und Auftrag; Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e. V.; 90. Jahrgang; 2001/Heft 2; S. 95-101

 

[2] Freising 1250 Jahre geistliche Stadt, Ausstellung im Diözesanmuseum und in den historischen Räumen des Dombergs in Freising, 10. Juni bis 19. November 1989; Band 9; S. 123-125

 

[3] Joseph Punkes; Freisings höhere Lehranstalten zur Heranbildung von Geistlichen in der nachtridentinischen Zeit. Freising 1885

 

[4] Ulrike Götz; Der Klassenprimus Am Galgen, Graffiti der alten Freisinger Hochschule; in: Schönere Heimat, Erbe und Auftrag; Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e. V.; 90. Jahrgang; 2001/Heft 2; S. 96

 

[5] Ulrike Götz; Der Klassenprimus Am Galgen, Graffiti der alten Freisinger Hochschule; in: Schönere Heimat, Erbe und Auftrag; Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e. V.; 90. Jahrgang; 2001/Heft 2; S. 96-97