Der Wandel der Strafen im 18. Jahrhundert

anhand des Buchs 'Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses' (1977) von Michel Foucault

 

Der französische Historiker und Philosoph Michel Foucault beschäftigt sich in seinem Buch 'Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses' (1977) mit der Veränderung im Strafsystem und Überwachungswesen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

 

Ab 1750 ist, mit der Zeit der Aufklärung, eine Veränderung bei den Strafen zu beobachten: "die Milderung des Strafsystems im Laufe des 18. Jahrhunderts oder, genauer gesagt, eine zweifache Bewegung, in der während jener Periode die Verbrechen an Gewaltsamkeiten zu verlieren scheinen, während die Intensität der Bestrafungen nachläßt [sic!] und ihre Häufigkeit zunimmt." (S. 95) Außerdem schreibt Foucault, dass dieselbe Bewegung "zu einer Verschiebung von 'Massenkriminalität' zu einer 'Kriminalität von Außenseitern und Randständigen'" (S. 96) führe. Die Veränderung der Art der Delinquenten beschreibt er folgendermaßen: "Die Kriminellen des 17. Jahrhunderts sind 'erschöpfte, schlecht genährte Menschen, jähzornige Männer des Augenblicks, Saisonverbrecher', die des 18. Jahrhunderts hingegen 'Schlaumeier, Schlawiner, gerissene Rechner – Außenseiter'." (S. 96)

Als wichtigstes Mittel der Strafjustiz und als die "allgemeinen Herrschaftsformen" (S. 176) nennt Foucault die 'Disziplinen', worunter er die "Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte ermöglichen und sie gelehrig/ nützlich machen" (S. 175), versteht.

Diese 'Disziplinen' verwenden als erstes Mittel die Aufteilung der Individuen im Raum, bzw. des Raums auf die Individuen: "Jedem Individuum seinen Platz und auf jeden Platz ein Individuum." (S.183) Außerdem nutzen sie die "die Klausur, die bauliche Abschließung eines Ortes von allen anderen Orten." (S. 181) Dadurch sollen jegliche störende Faktoren abgehalten und die Person von der Außenwelt abgeschirmt werden, sodass kein 'negativer' bzw. ablenkender oder nicht der Vorstellung des Systems entsprechender Einfluss auf sie ausgeübt werden kann.

Des Weiteren machen sie sich den Rang, der als "Belohnung oder Bestrafung" (S. 234)[1] dienen kann, nützlich. "Der 'Rang' beginnt im 18. Jahrhundert die große Form der Verteilung der Individuen in der Schulordnung zu definieren: Schülerreihen in der Klasse, Korridore, Kurse;" (S.188) Auch baulich wurde der Rang verdeutlicht:„Die Schüler der höchsten Lektionen werden in den Bänken sitzen, die der Mauer am nächsten sind, und die anderen werden sich in der Reihenfolge der Lektionen der Mitte der Klasse annähern." (S. 189) Beförderungen und Herabstufungen im Rang ermöglichten die peinliche Kontrolle der Individuen; jede unüberlegte Tätigkeit konnte zur "Erniedrigung" führen und die Belohnung mit einem höheren Rang verstärkte den Ehrgeiz des Individuums.

Zur Bestrafung werden unterschiedliche Strafmittel verwendet, was auch eine Folge der unterschiedlichen beabsichtigten Ziele ist. Jene, "die direkt der Justiz entliehen sind (Geldbuße, Peitsche, Karzer)" (S. 232), dienen – durch die Härte der Strafen -  der Reue; und dem Nachdenken, wozu man - vor allem während der Zeit im Karzer – mehr Gelegenheit bekam. Die anderen Absichten waren positive Nebeneffekte; dazu wurden Strafen des "Übens, des intensivierten, vervielfachten, wiederholten Lernens" (S. 232) genutzt.

Viele Dinge, die uns heutzutage als zum Strafen zu bedeutungslos erscheinen, wurden damals bestraft: "Strafbar ist alles, was nicht konform ist: der Soldat begeht einen 'Fehler', wenn er das vorgeschriebene Niveau nicht erreicht; der 'Fehler' des Schülers kann ein kleiner Verstoß sein oder die Unfähigkeit, eine Aufgabe zu erfüllen." (S. 231) Allein dafür, dass man eine Aufgabe nicht erfüllen kann, konnte man also bestraft werden, und allein dadurch, dass man eine Aufgabe nicht erfüllen kann, konnte man über die räumliche Aufteilung von 'Guten' und 'Schlechten' auch ausgeschlossen werden.

"Zusammen mit der Überwachung wird am Ende des klassischen Zeitalters die Normalisierung zu einem der großen Machtinstrumente." (S. 237) Dabei wurden die Schlechtesten als 'Anormale' oder die randständigen Kriminellen von den 'Normalen' abgesondert. "Als Unterschied zu allen übrigen Unterschieden wird schließlich die äußere Grenze gegenüber den Anormalen gezogen (die 'Schandklasse' der École militaire). Das lückenlose Strafsystem […] wirkt vergleichend, differenzierend, hierarchisierend, homogenisierend, ausschließend. Es wirkt normend, normierend, normalisierend." (S. 236)

Diese Erziehung zielte allein darauf ab, angepasste, tüchtige und leicht kontrollierbare Nachkommen zu erziehen. Zu Schlechte wurden (räumlich) abgesondert, Unangepasste bestraft, Nachlässige über das Mittel des Rangs zurückgestuft. Die Gesetzbücher von 1808 und 1810 unterscheiden zwischen "Besserungshäftling" und "Kriminellen", die im Gefängnis in unterschiedlichen Räumlichkeiten untergebracht sind (vgl. S. 298). Man konnte also auf den ersten Blick zwischen 'Tüchtigen' und 'Außenseitern' unterscheiden.

 

 

[1] „In der École militaire [1751 in Paris gegründete Militärschule] wurde ein kompliziertes System von 'Ehrenklassen' eingeführt; diese Klassen wurden in der Kleidung allen sichtbar gemacht und ebenso in den Strafen, die als Zeichen des Vorzugs oder der Schlechtigkeit ehrenvoller oder beschämender ausfielen. […] Die erste Klasse ist die Klasse 'der sehr guten' und ist durch ein silbernes Schulterstück ausgezeichnet; ihre Ehre bestand darin, als 'ein rein militärischer Trupp' behandelt zu werden; sie hat darum auch auf militärische Strafen Anspruch (Arrest oder in schweren Fällen Gefängnis). Die zweite Klasse ist die Klasse 'der Guten' und trägt ein tor-silbernes Schulterstück; ihre Mitglieder können mit Gefängnis und Arrest, aber auch mit Karzer und Niederknien bestraft werden. Die Klasse der 'Mittelmäßigen' trägt ein Schulterstück aus rotem Leinen; zu den vorhin genannten Strafen kommt im Notfall das braune Wollkleid. Die letzte Klasse, die Klasse der 'Schlechten', ist durch ein Schulterstück aus braunem Leinen gekennzeichnet; die Schüler dieser Klasse werden allen im Haus üblichen Strafen unterworfen sowie auch allen anderen für notwendig erachteten und selbst der Dunkelhaft im Karzer.“ (S. 234f.)

 

Quelle: Foucault, Michel: Überwachen und Strafen; Die Geburt des Gefängnisses; Frankfurt am Main 1977