Heutzutage strafen die Schulen schlimmstenfalls noch mit der Entlassung (§17 BayGSO), letztlich also immer noch mit Ausschlussstrafen.

Da stellt sich dann natürlich die Frage, ob die Schule mit derartigem ausschließenden Strafen ihrer Rolle als Bildungsvermittler gerecht werden kann. Eduard Matt formulierte dazu folgende These:

"Die Schule unterliegt im Grunde einem doppeltem Druck: Auf der einen Seite, in der öffentlichen und politischen Reaktion, werden von ihr mehr vorzeigbare Leistungen und d.h. mehr Auslese und letztlich Elitenbildung gefordert, auf der anderen Seite, in Reaktion auf die faktische Situation in den Schulen, ein besserer Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten von SchülerInnen gefordert. [...]

Die Schule heute ist als ein Ort der Erziehung besonders gefordert. Die Bildungspolitik hingegen fordert und fördert in der Entwicklung die Richtung der Leistungsbetonung und der Selektion. […] So säubert sich die Schule stärker von den störenden Elementen, als dass sie ihrer Aufgabe als eine Institution der Erziehung und Bildung gerecht wird."[9]

 

Heutzutage hat die Exklusion in Unterricht und Schule natürlich ganz andere Gründe. Dabei ist auffällig, dass Schüler mit Migrationshintergrund deutlich schlechtere Chancen auf eine gute Schul- und Bildungskarriere haben als Schüler ohne Migrationshintergrund, die damit aus einer Familie mit einem höheren kulturellen Kapital als gutes Fundament für ihre Schullaufbahn kommen: "Das traditionell mehrgliedrige, immer noch hierarchisch strukturierte deutsche Bildungssystem wirkt sozial extrem selektiv und benachteiligt jene Schüler/innen, die aus 'bildungsfernen' Elternhäusern kommen."[10] In Deutschland wird der Effekt der Trennung zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund zusätzlich dadurch verstärkt bzw. beschleunigt, dass hierzulande die Eltern die Entscheidung über die weiterführende Schule vergleichsweise früh fällen müssen. Sie handeln dabei vor allem nach Aspekten wie den geringsten Kosten für Lehrmittel, der sonstigen Schullaufbahnen der Familie und den niedrig eingestuften Erwartungen, weniger aber nach der tatsächlichen Leistung: "Als eine in diesem Zusammenhang strukturbedingte Besonderheit ist die sehr frühe Einstufung von Kindern nach dem Besuch der Grundschule auf die unterschiedlichen Schulformen im weiterführenden Sekundarbereich zu verstehen."[11]

In meiner Grundschulklasse waren insgesamt 27 Schüler, davon fünf mit Migrationshintergrund. Mit 15 Schülern gingen relativ viele nach der Grundschule auf ein Gymnasium, aber alle fünf Schüler mit Migrationshintergrund besuchten danach die Mittelschule. Es kann also kaum Zufall gewesen sein, dass diese Schüler eine niedrigere weiterführende Schule besuchten. Womit sich die Thesen der zitierten Autoren bestätigen würden.

 

Wo stehen heute die Namen der Dummen? Schüler mit Migrationshintergrund sind bewiesen benachteiligt in ihren Bildungschancen und ich hoffe, dieser Aufsatz hat zum Nachdenken über diese Missstände angeregt.[12]

 

 

[1] Interview mit Prof. Dr. Manfred Prenzel am 20.1.2015

 

[2] Ebenda, S. 237

 

[3] Ebenda, S. 188

 

[4] Ebenda, S. 189

 

[5] 1833 von der Diakonie in Hamburg begründete Stiftung u.a. zur Unterstützung straffällig gewordener und sozial gefährdeter/benachteiligter Kinder und Jugendliche, vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Rauhes_Haus; Lutz (2010), S. 202, schreibt dazu: "Anhand der Interviews und der Akten ist anzunehmen, dass es den Karzer ab etwa 1955 gab und er wohl Anfang der 1960er geschlossen bzw. nicht mehr genutzt wurde."

 

[6] Lutz, Tilman Strenge Zucht und Liebe. Die pädagogischen Arrangements im Rauhen Haus in den 1950ern und 1960ern, München 2010, S. 204

 

[7] Ebenda, S. 203

 

[8] Ebenda, S. 204

 

[9] Amos, S. Karin / Cremer-Schäfer, Helga (Hrsg.) (2007): Jahrbuch für Rechts- und Kriminalsozioalogie 2005; Saubere Schulen; Baden-Baden 2007, S. 135

 

[10] Jürgens, Eiko / Miller, Susanne (Hrsg.): Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule; Eine interdisziplinäre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse; Weinheim und Basel 2013, S.40; Als Gründe werden das vom "kulturellen Kapital" beeinflusste, unterschiedliche "familiäre Anregungsmilieu" und "Bildungsentscheidungen in Abhängigkeit vom sozio-ökonomischen Status der Familie" genannt (S.17)

 

[11] Ebenda, S. 12

 

[12] An dieser Stelle möchte ich auf das Buch „Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule“ von Jürgens, Eiko / Miller, Susanne (Hrsg.) verweisen; sie haben sich mit dieser Problematik genauer beschäftigt.

 

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