Gedanken zum Ausschluss in Schule und Unterricht

von Maximilian Burger

 

"Nomina Stultorum Scribuntur Ubique" - die Namen der Dummen stehen überall geschrieben. Ein Graffito von vielen im Karzer des ehemaligen Lyceums im Dachboden des heutigen Asamgebäudes. Hier waren Jugendliche eingesperrt, die gegen die strenge Ordnung der Klosterschule verstoßen hatten, und damit auch eine bestimmte Zeit lang von ihren Mitschülern und der Außenwelt weggesperrt. Man könnte sagen, dass die Weggesperrten auf Zeit in eine Außenseiterrolle gerieten.

Herr Prof. Dr. Manfred Prenzel antwortete uns in einem Interview, dass bei einem Ausschluss von Schülern die Reaktion der anderen Schüler davon abhängig ist, ob der Ausschluss "als gerechtfertigt und maßvoll beurteilt wird. Aber der drastische Ausschluss (z. B. Karzer) wird als harte Strafe wahrgenommen, die Mitleid weckt."[1] Zudem könne eine solche Strafe das Zusammengehörigkeitsgefühl der Klasse insofern beeinflussen, als die Allgemeinheit sich von den Schülern, die vom Lehrer "als Außenseiter markiert" wurden, abschirmen, da sie glauben, dass man mit diesen "nichts zu tun haben sollte". Bestimmt kommt in manchen Fällen auch die Angst vor dem Lehrer ins Spiel, da dieser die Maßstäbe setzt und jeden, der nicht ohne Fragen gehorcht, gleichartig bestrafen kann.

Durch die Karzerhaft kann es also passieren, dass sich der Ausschluss des Häftlings nicht auf den Karzer beschränkt, sondern auf die Klasse ausweitet.

 

Die Graffiti aus dem Freisinger Karzer, die auf 1740-1770 zu datieren sind, entstanden während einer Zeit des Umbruchs und der Neuordnung: der Aufklärung. Die Strafen begannen anders zu werden, ein neues Disziplinar- und Schulwesen entstand. Man versuchte immer mehr, zu überwachen und zu kontrollieren. Man begann, 'Anormale' auszuschließen, 'Schlechtere', die die erforderten Leistungen nicht erfüllen konnten. "Zusammen mit der Überwachung wird am Ende des klassischen Zeitalters die Normalisierung zu einem der großen Machtinstrumente."[2] Man belohnte durch Beförderung und strafte durch Erniedrigung: "Der 'Rang' beginnt im 18. Jahrhundert die große Form der Verteilung der Individuen in der Schulordnung zu definieren: Schülerreihen in der Klasse, Korridore, Kurse [...]".[3] Um den Effekt der Belohnung und der Demütigung noch zu verstärken, wurden die einzelnen Ränge auch baulich verdeutlicht: "Die Schüler der höchsten Lektionen werden in den Bänken sitzen, die der Mauer am nächsten sind, und die anderen werden sich in der Reihenfolge der Lektionen der Mitte der Klasse annähern."[4] Der Ausschluss diente als Demütigung und Bestrafung.

Ich habe mich noch weiter mit der geschichtlichen Veränderung des Strafens und der Wurzel des ausschließenden Strafens befasst. An dieser Stelle verweise ich auf meinen Aufsatz 'Der Wandel des Strafens um 1800'.

 

Heute sind wir geschockt, dass früher Schüler aus geringfügigen Anlässen weggesperrt wurden und natürlich stellt man sich nun die Frage, warum die Schule mit dem Karzer bestrafte und was sie damit erreichen wollte.

Im Rauhen Haus, einer Einrichtung mit einem relativ modernen Beispiel der Anwendung eines Karzers[5], übernahm der eher selten genutzte Karzer zwei Funktionen: "Schutz und Strafmaßnahme"[6]. Zum einen sollten die anderen Jugendlichen z.B. vor den Folgen eines Wutausbruchs beschützt werden. Ein Zeitzeuge erzählte in einem Interview: "'Der [Karzer] war nur zur Beruhigung bei einem Tobsuchtanfall [sic!], bei einem alle Grenzen überschreitenden Ausbruch'."[7] Zum anderen sollten die Stunden im Karzer zum Nachdenken anregen, zur Reue und Besserung, damit der Delinquent in einer ähnlichen Situation das nächste Mal nicht mehr straffällig wird: "'[Da kam man rein] wegen Verstoß gegen Zucht und Ordnung'."[8]

Die Schutzfunktion könnte aber auch als Vorsorge gegen erneute Delinquenz verstanden werden, da die Bestrafung mit Karzer "als harte Strafe wahrgenommen" wird. Als Grund dafür nennt Prenzel, dass das Zugehörigkeitsgefühl "ein menschliches Grundbedürfnis" ist.

 

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