Wie waren die Haftbedingungen?

 

Räumliches Klima

"Ein 1775 verfasster Bericht klagt, 'daß kein Academicus ohne nachtheil der gesundheit in die dermahlen vorhandenen drey Carceres weder pro custodi noch pro poena gebracht werden könne, weilen der orth allzu feucht und kalt ist.'"[3] Dieser Bericht ist nur einer von vielen über die Arrestzellen des Heidelberger Studentenkarzers und zeigt, dass zu jener Zeit die Haftbedingungen nicht beneidenswert waren. So bewirkten jene Beschwerden, dass der damalige Heidelberger Karzer an einen anderen Ort verlegt wurde und Renovierungsarbeiten stattfanden, woraufhin weniger Insassen sich über das räumliche Klima beklagten. Allgemein wird der Karzer zu seinen Anfängen beispielsweise als 'verteufeltes Loch'[4] beschrieben, woraus man erkennen kann, dass jene Züchtigung nicht die angenehmste war, da viel Zeit verstrich und man der Langeweile irgendwie entkommen musste.

 

Beschäftigung

Die Langeweile verleitete die Schüler und Studenten dazu, an Karzerwänden zu malen. Die zahlreichen Abbildungen zeigen Daten des Insassen selbst samt der Auflistung der Vergehen. Beliebt war das Zeichnen von Selbstpotraits im Profil mit den Wappen von Studentenverbindungen. Es sind auch einige symbolisch gemeinte Zeichnungen zu finden und verschiedene Sprüche, die nachdenklich oder verachtend gegenüber Lehrern oder Mitschülern sein konnten. Besonders im Heidelberger Karzer begegnete man oft dem Weintrinker 'Perkeo'. Seltener sah man romantische Verse, die man einer verehrten Frau widmete oder Abbildungen von Bücherhelden. Es gibt auch Abbildungen von einem Karzergeleit, das den verurteilten Studenten in seine Zelle begleitet.

 

Maltechniken

Eine große Renovierung des Heidelberger Karzers 1983 veranlasste dazu, die Bilder und Maltechniken genauer zu untersuchen: "Wasser- und Ölfarbe, Bleistift, Kreide, Tinte und Wachsstift waren zum Einsatz gekommen. Auch holzkohleähnliches Material (wohl Brennholzreste aus dem Ofen) wurden bisweilen verwendet."[5]

1886 wurden ebenfalls Renovierungsarbeiten vorgenommen, und da erkannte man schon den historischen Wert jener Bemalungen und wies so die damaligen Arbeiter an, vorsichtig mit den Wänden umzugehen. Diese Toleranz der Bemalungen gab es allerdings nicht bei allen Karzern, so auch nicht in Tübingen:

"Um Graffiti-Bemalungen der 'Incarcerierten' entgegen zu wirken, beauftragte die Universität 1736 den Maler Gottfried Schreiber, die Räume mit biblischen und antiken Bildern und Sprüchen zu bemalen."[6]

 

Kein Besuchsverbot

Es ist bekannt, dass im Heidelberger Studentenkarzer kein Besuchsverbot vorlag, solange keine strengen Zeiten vorherrschten. So durfte Besuch kommen und gehen.

In dem Marburger Studentenkarzer wurde Besuch jedoch nicht geduldet, außer "bei dringenden Familien- und Geschäftsangelegenheiten"[7]. Daraus lässt sich schließen, dass nicht in allen Universitätskarzern Besuch erlaubt war.

 

Kein Alkoholverbot

Ebenfalls ist es interessant zu wissen, dass es in den Studentenkarzern kein allgemeines Alkoholverbot gab: "Inhaftierten wurde eine Flasche Bier bzw. eine halbe Flasche Wein pro Tag zugebilligt."[8]

 

Essen

Hinsichtlich des Essens gab es nur bei verschärftem Karzer Wasser und Brot. So konnte man den Pedell dafür bezahlen, dass dieser dem Inhaftierten das Essen bringt. Es war auch möglich, das Essen von Freunden zu bekommen, oder man beauftragte einen Restaurant mit dem Lieferservice. Der Karzerinsasse in Heidelberg hatte seine Mahlzeit zu drei festgelegten Zeiten einzunehmen, wobei es hin und wieder erlaubt war, diese im Freien einzunehmen.

 

Einrichtung

Die Räumlichkeiten in den Karzern waren eher spärlich eingerichtet. So konnte man meist ein Bett, ein Tischchen, Holzstühle und bei manch einem Karzer einen Kamin vorfinden.

"Die Zelle, die Mark Twain 1878 sah, hatte 'ein stattliches Fenster' eisenvergittert; einen kleinen Ofen, zwei Holzstühle, zwei Eichentische, sehr alt und aufwendig beschnitzt mit Namen, Wahlsprüchen, Gesichtern, Wappen etc. - dem Werk von mehreren Generationen inhaftierter Studenten; und eine schmale hölzerne Bettstatt mit einer schäbigen alten Strohmatratze, aber keine Laken, Kissen, Decken oder Bezüge – für die muss der Student auf eigene Kosten sorgen, wenn er welche haben will. Es gab natürlich auch keinen Teppich."[9]

 

Kosten

Im Heidelberger und Marburger Studentenkarzer musste man eine gewisse Geldsumme für den Karzeraufenthalt zahlen. Für die Heizung, die Beleuchtung und bei Aufnahme in den Karzer war ein gewisser Betrag fällig.

"§11. Der Karzerwärter empfängt von dem Verhafteten für jeden Tag der Haft 50 Pf. Außerdem ist für jede mehrtägige Karzerhaft eine Pedellengebühr von 1 Mark zu entrichten."[10]

Bestimmungen von 1823 legten für den Heidelberger Karzer folgende Kosten fest:

"Fixum von 30 kr. Bei Aufnahme in den Karzer

 15 kr./Tag Wartgeld;

 15 kr./Tag im Winter für Feuerung

 30 kr. Bei Entlassung aus dem Karzer;

 Beleuchtung war nach Bestellung besonders zu bezahlen"[11]

 

Der Impuls an Wänden zu malen

Seit der Steinzeit gibt es das Phänomen, dass Menschen an Wänden malen, was man besonders an den alten Höhlenmalereien erkennen kann. Und bis heute hat sich an diesem Urtrieb nichts geändert. In der Neuzeit malte man an Karzerwänden, heute ins Schulheft. Man findet auch an Sehenswürdigkeiten wie Statuen Graffiti. Ich denke, dass uns einerseits die Langeweile dazu antreibt zu malen, was ich besonders während dem Unterricht bemerke. Sobald ich einen Stift in der Hand habe, muss ich immer anfangen irgendwelche Striche und Linien zu malen. Ein weiterer Impuls könnte sein, dass man etwas 'Verbotenes' machen möchte, da es viel reizvoller ist als einfach ins Heft zu malen. Das begründet  jene Graffiti, die man heutzutage an Sehenswürdigkeiten erkennen kann. Doch die Frage ist, weshalb wir diesen Urtrieb haben. Warum müssen wir vor der Langeweile flüchten? Warum sagte die Natur, dass wir immerzu was machen sollten, bevor wir vor Langeweile sterben, während Langeweile eigentlich nicht tödlich ist? Warum können wir im Unterricht nicht still sitzen?

Das sind meine Fragen, die hier ungeklärt bleiben.

In dem Beitrag 'Narrenhände beschmieren Tisch und Wände' von Emilia Ruiz und Felix Moré kann man dazu mehr erfahren.

 

 

[1] Bickert, Hans Günther / Nail, Norbert: Marburger Karzer-Buch; Kleine Kulturgeschichte des Universitätsgefängnisses; Marburg 2013, S. 13

 

[2] Cowin, Andrew: Der Heidelberger Studentenkarzer; Hrsg. von der Universität Heidelberg; Heidelberg 2011, S. 18

 

[3] Ebenda, S. 8

 

[4] Bickert, Hans Günther / Nail, Norbert: Marburger Karzer-Buch; Kleine Kulturgeschichte des Universitätsgefängnisses; Marburg 2013, S. 17

 

[5] Cowin, Andrew: Der Heidelberger Studentenkarzer; Hrsg. von der Universität Heidelberg; Heidelberg 2011, S. 22

 

[6] URL: http://tuebingen-info.de/2/sehenswertes/sehenswuerdigkeiten-in-tuebingen.html?sav_library=9089791c4a9001210263&cHash=bc3618525156476dbdc3aeb39008ba36; Zugriff am 22.1.15

 

[7] Bickert, Hans Günther / Nail, Norbert: Marburger Karzer-Buch; Kleine Kulturgeschichte des Universitätsgefängnisses; Marburg 2013, S. 43

 

[8] Ebenda, S. 37

 

[9] Cowin, Andrew: Der Heidelberger Studentenkarzer; Hrsg. von der Universität Heidelberg; Heidelberg 2011, S. 45

 

[10] Bickert, Hans Günther / Nail, Norbert: Marburger Karzer-Buch; Kleine Kulturgeschichte des Universitätsgefängnisses; Marburg 2013, S. 43

 

[11] Cowin, Andrew: Der Heidelberger Studentenkarzer; Hrsg. von der Universität Heidelberg; Heidelberg 2011, S. 33

 

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