Was ist ein Karzer?

von Vida Pluym

 

Der Karzer war im 17. und 18. Jahrhundert eine in Deutschland weitverbreitete Arrestzelle in Schulen und Universitäten. Die Karzerstrafe wurde als Disziplinarstrafe gerechtfertigt.

 

Unterschiede zwischen Universitäts- und Schulkarzern

Vorab möchte ich darauf hinweisen, dass ein großer Unterschied zwischen Karzern von Universitäten und Karzern von Schulen besteht. So waren die Karzerstrafen in den Universitäten viel härter als in den Schulkarzern. Im Folgenden wird zumeist von Studentenkarzern berichtet, da es von ihnen bessere und leichter zugängliche Quellen gibt.

 

Die Vergehen

Die verhängten Strafen an Universitäten lassen darauf schließen, dass diese eine erzieherische Wirkung haben sollten. Der Student wurde meist nicht als vollwertiger Erwachsener anerkannt.

Folgende gängige Vergehen wurden mit einer Karzerstrafe geahndet: Verstöße gegen die Kleiderordnung, heimliche Eheverlöbnisse, nächtliche Spaziergänge bei zusätzlicher Trunkenheit, Teilnahme an Duellen wie zum Beispiel beim Fechten, Baden in der Öffentlichkeit, Störung der nächtlichen Ruhe, Schwänzen der Vorlesungen, Beschädigen bzw. Auslöschen der Straßenbeleuchtung. Außerdem wurde man auch für seine schlecht erzogenen Hunde bestraft.

 

Wie lange blieb man im Karzer?

Die Dauer des Karzeraufenthalts war in jeder Schule bzw. Universität unterschiedlich. Der Heidelberger Universitätskarzer beispielsweise glich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts einem wahrem Gefängnis. Zu dieser Zeit konnte die Haftdauer in Heidelberg sehr lang sein, manchmal bis zu einem Jahr. Allerdings war es dort den Insassen erlaubt, tagsüber ihre Vorlesungen zu besuchen, so lange keine strengeren Zeiten vorherrschten. 1879 begrenzte man die Arrestdauer in dem Heidelberger Karzer auf maximal 14 Tage. Dem Karzerinsassen in Marburg war es ab drei Tagen Karzerstrafe und bei Genehmigung des Rektors erlaubt, seine wichtigsten Vorlesungen zu besuchen. In Schulkarzern ist der Karzeraufenthalt kürzer ausgefallen. In dem Freisinger Schulkarzer hielten sich die Schüler für einige Stunden auf. In anderen Gebieten konnte man mehrere Tage in den Karzer geschickt werden.

 

Wurden die Karzerstrafen begründet?

"Falls ein Polizist ihn bei einer gesetzwidrigen Handlung ertappt und ihn festnehmen will, erklärt der Missetäter, daß er Student sei […], woraufhin der Schutzmann […] den Vorgang auf der Wache meldet. Handelt es sich bei dem Vergehen um eines, das nicht unter die Gerichtsbarkeit der Stadt fällt, meldet die Behörde den Fall auf dem Amtswege der Universität und kümmert sich nicht weiter darum. Das Universitätsgericht läßt den Studenten kommen, hört sich die Aussagen an und verkündet das Urteil."[1] So beschrieb Mark Twain den Weg vom Begehen der Missetat bis zur Verurteilung in seinem Buch 'Zu Fuß durch Europa', das 1880 erschien.

Die Universitäten und Schulen hatten tatsächlich die Pflicht, die Gerichtsbarkeit auszuüben und somit auch Disziplinarstrafen zu verhängen. Eine der Disziplinarstrafen war die Karzerstrafe. Es stand also den Pedellen und Lehrern zu dieser Zeit nicht frei, nach Lust und Laune einen Schüler bzw. Studenten in den Karzer zu schicken. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass im 18. Jahrhundert, zu der Zeit als einige Schulen und Universitäten erstmals die Karzerstrafe einführten, diese missbraucht wurde, und Schüler und Studenten ungerechtfertigt in den Karzer geschickt wurden.

 

Wie weit durften die Strafenden gehen?

Es steht fest, dass in Heidelberg bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts Karzerstrafen verhängt wurden, die von langer Dauer waren. Manchmal bis zu einem Jahr, wobei man berücksichtigen sollte, dass in dieser Zeit es dem Studenten erlaubt war, seine Vorlesungen zu besuchen. Daran erkennt man, dass die bestrafenden Organe sehr weit gehen durften. Allerdings konnte man nicht in allen Gebieten eine so lange Dauer der Karzerstrafe erhalten.

Ich vermute, dass damals die Lehrer, Richter und andere, die eine Art von Züchtigung ausübten, ein sehr hohes Maß an Autorität genossen und dadurch die Möglichkeit hatten, solch eine harte Bestrafung verhängen zu können. Außerdem denke ich, dass die Art solcher Strafen damals üblich war und die heutige Sicht gegenüber Bestrafungen eine andere ist, als die der Neuzeit und des Mittelalters.

 

Konnte man ausbrechen?

Es gibt nur wenige Quellen, die von einem Ausbruch aus dem Karzer berichten. Allerdings erzählt eine Quelle von zwei Ausbrüchen aus dem Heidelberger Studentenkarzer:

"Bereits 1825 gelang es einem gewissen Lüder aus dem Gebäude zu entkommen. Schwerwiegender war 1833 die Flucht von Adolph Barth, der wegen politischer Vergehen einsaß."[2]

Diese Ausbrüche bestätigten die Beschwerden über die Sicherheit des Heidelberger Karzers und zogen Folgen nach sich: So wurden die Haftbedingungen der Studenten strenger, sodass das Empfangen von Besuch beispielsweise eine Zeit lang nicht mehr gestattet war. Außerdem folgte ebenfalls eine Renovierung jenes Karzers, sodass Ausbrüche aus jenem Karzer wahrscheinlich nicht mehr möglich waren.

 

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